Die Bedeutung von Geschichte

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Die Bedeutung von Geschichte

Heute mal ein ganz anderes Thema.

Kurioser Weise wurde ich vor ein paar Tagen binnen 24 Stunden mit zwei Artikel konfrontiert, die sich mit der historischen Bildung in #Deutschland beschäftigen. 
Für mich als studierter Historiker zwei Artikel, an denen ich nicht vorbei konnte. Beide Artikel aus der von mir meist sehr geschätzten @F.A.Z.

Der erste Artikel [1] war ein Gastbeitrag von @Muamer Bećirović. Die zugrundeliegende Thesen des Autors ist, dass "in Deutschland [..] #Außenpolitik ohne strategisches und historisches Wissen gemacht [wird]. Es wird auch nicht an den Universitäten gelehrt. Deshalb sind uns die #USA weit voraus" [1]. Eine These die ich nur bedingt nachvollziehen kann, da ich nicht direkt in diesem Bereich arbeite. Was ich aber seit zwei Jahrzehnten wahrnehme, ist das Regionalwissenschaften und andere Studienrichtungen im Bereich Außen- und #Sicherheitspolitik an Verbreitung gefunden haben. 

Aber ich teile die gemachte Aussage, dass Entscheidungsträger im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik ein breites Wissen und systemisches Verständnis von der Welt in der sie arbeiten und für die sie Entscheidungen brauchen. Denn die Faktoren, die derzeitige sicherheits- oder außenpolitische Entwicklungen bestimmen, haben in der Regel viele Jahrzehnte oder sogar Jahrunderte an Vorgeschichte. Auch reichen die Dynamiken von Ereignissen meist über die Grenzen der betroffenen Länder heraus. 

Historiker lernen meines Erachtens eine besondere Art zu denken, so wie es für viele andere akademische Disziplinen, wie Juristen, Ingenieure üblich ist. Dabei ist m.E. dem Denken des Historikers gemein, dass erstens ein grundlegendes Verständnis vorherrscht, dass eine absolute Objektivität oder Wissen über Vorgänge nicht erreichbar ist. Es ist immer nur eine Annäherung. Und es liegt auch in der Natur von Historikern, Sachverhalte eher aus einer systemischen Sicht zu betrachten, also zu verstehen, dass Entwicklungen geprägt sind durch Interdependenzen und Hebel sowie ständiger Veränderung und Emergenz. Das liegt u.a. an der Zerteilung der Geschichtswissenschaften in zahlreiche Teildisziplinenen wie Epochen (z.B. Altertum, Mittelalter), Regionen oder Fachbereiche (z.B. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Technikgeschichte, Ideengeschichte). Was m.E. auch den Historiker unterscheidet, ist das Denken in deutlich größeren Zeitrahmen und auch in Abhängigkeiten und Entwicklungen entlang von geographischen Räumen und zeitlichen Perioden. 

Der zweite Artikel beschreibt exemplarisch das Grundproblem der Geschichtswissenschaften. Das niedersächsische Kultusministerium wolle laut F.A.Z. Geschichtsunterricht in der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe zur Disposition stellen. "Bei der Belegungsverpflichtung für Geschichte in der 12. und 13. Klasse soll es aber bleiben. Derzeit wird Geschichte am Gymnasium in Klasse 11 noch verbindlich zweistündig erteilt. Würde die Belegungsverpflichtung entfallen, läge der Schwerpunkt des Geschichtsunterrichts in der Mittelstufe in den Jahrgängen 5 und 6, während er in den Jahrgängen 7 bis 9 nur noch einstündig erteilt würde". Interessanterweise und vielleicht nicht ganz zufällig ist der Artikel einen Tag vor dem Internationalen "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" erschienen. Wie ich finde sehr treffend. 

Und derzeitige politische Entwicklungen in Deutschland, aber auch vielen anderen Ländern der #EU und den USA zeigen, dass eigentlich mehr historisches Wissen nötig ist, als weniger. Denn nur wer die politische Geschichte Europas kennt und damit auch die Geschichte des politischen Extremismus, kann verstehen, warum die Aufklärung über Extremismus und eine Ablehnung von Extremismus, aber auch Vorformen wie dem Populismus so notwendig ist. Wir können unseren Kindern oder den jüngeren Generationen nicht ahistorisches Wissen oder Einstellungen vorwerfen, wenn im staatlichen Bildungsbereich dies Ahistorismus gefödert wird. Geschichte ist nicht nur das Wissen um Altes und Vergangenes. Es ist die Grundlage des Verständnisses des Hier und Jetzt. Ich kann nicht bewerten, was eine AfD oder ein Donald Trump macht, wenn ich nicht die europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrunderts kenne. Geschichte ist die Grundlage staatsbürgerlichen Wissens und demokratischer Befähigung. Und wie wir im ersten Artikel geschildert, ist das Wissen um historische Entwicklungen und Ereignisse auch die Vorassetzung für überlegene Entscheidungsfindungen im politischen Wettstreit mit anderen Nationen. Und neben den USA würde ich #Russland und #China auch erwähnen wollen, die scheinbar auch deutlich besser ihre eigene, aber auch die Geschichte ihrer Gegener deutlich besser verstehen. 

[1] F.A.Z. - Das außenpolitische Berlin ist am Ende:
https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/deutscher-aussenpolitik-fehlt-strategisches-wissen-accg-200459952.html?share=Whatsapp 
[2] F.A.Z. - Niedersachsen : Geschichte als Wahlfach?
https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/niedersachsen-kritik-an-plaenen-fuer-geschichtsunterricht-110825828.html  

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